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Masterarbeit Anna Rose Samuel: Das Leben als Jüdin im schottischen Exil – Eine Tagebuchanalyse zur exemplarischen Alltagsdarstellung

Autorin: Anna Rose Samuel

„Das Exil, wie die Angst, »fressen Seele auf«,

es zehrt am innersten Ansatz der Seele, da, wo sie anfängt.

Es löscht alle Bilder, Stimmen, Gerüche und Geräusche aus,

es zwingt zur Selbstumstülpung.

Das Exil stülpt einen um, wie einen Sack.

Das Exil läßt einen nie los, es sitzt einem in der Brust.“

(Goldschmidt 2020, S. 9)

Der vorliegende Auszug aus dem Buch „Vom Nachexil“ von dem französisch-deutschen Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt stellt einen Versuch des 92-jährigen jüdischen Autors dar, das von ihm erlebte Exil und die Bedeutung dieser Erfahrung für sein Leben zu verstehen. Es zeugt vom Vergessen, von einer erlebten Heimatlosigkeit, von einem nie weichenden psychischen und körperlichen Leidensdruck, welches das von Jüd*innen erlebte Exil birgt. Die Sichtung jener Textstelle verweist auf das zentrale Forschungsthema der hier vorgestellten Masterarbeit.

In der Arbeit geht es um das Leben im Exil der Jüdin Franziska Thomas, die sich nach der von ihrem nicht-jüdischen Mann und dessen Eltern ausgehenden erzwungenen Trennung am 26.06.1939 an Bord der „Reiher“ befindet und mit etwa 34 Jahren ohne Partner und Familie vor den Maßnahmen der politikgewordenen antisemitischen Ideologie des NS-Regimes ins schottische Exil floh. Während ihrer Überfahrt begann Franziska Thomas mit einem Tagebuch. Das Tagebuch bildet die Grundlage einer qualitativen Tagebuchanalyse und ist Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit den Alltagserfahrungen einer Jüdin im schottischen Exil. Die Gruppe jüdischer Frauen, die aufgrund des Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen und in ein anderes Land emigriert ist, findet in der aktuellen Forschung verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit. Tiefer weist die Forschung eine Lücke im Rahmen der Frauenexilforschung verknüpft mit dem Exilland Schottland auf. Hieraus begründet sich das Thema der Forschungsarbeit beziehungsweise das Anliegen das Alltagsleben einer Jüdin im schottischen Exil im Hinblick auf diverse im Tagebuch enthaltenen Aspekte exemplarisch darzustellen.

Zunächst skizziert die Arbeit den historischen Überblick über die anti-jüdischen Maßnahmen. Die Einschränkungen, Entrechtungen und Gewalttaten erschwerten das deutsch-jüdische Leben, zerstörte Existenzen und erzwang diverse Fluchtstrategien.

Weiterhin verweist die Forschungsarbeit auf etwaige Forschungsergebnisse im Rahmen der Allgemeinen Exilforschung sowie der Frauenexilforschung (vgl. Gesellschaft für Exilforschung – AG Frauen im Exil). Mit Blick auf die Frauenexilforschung legt die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Frauen im Exil“ wichtige Veröffentlichungen vor. Sie behandeln Aspekte wie etwa Wohnsituation, Ernährung, Begegnungen und Bindungen sowie finanzielle Situation. Darüber hinaus beziehen sich die Ergebnisse der Frauenexilforschung auf die Bereiche Partnerschaft, Ehe und Trennung (vgl. Schmeichel-Falkenberg 2007, S. 17f.). Als zentrales Ergebnis der Frauenexilforschung gilt die höhere Bereitschaft der Frau, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen und ins Exil zu flüchten. Darüber hinaus zeigen Erkenntnisse, dass sich Frauen aufgrund ihrer höheren Flexibilität leichter in die fremde Umgebung eingewöhnten und in diesem Zuge häufiger dazu befähigt waren den finanziellen Lebensunterhalt der Familie zu sichern (vgl. ebd.). Weiterhin lebten sie aufgrund gleichzeitiger Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Bewältigung des Alltags in der Fremde, häufig unter Doppel- und Mehrfachbelastungen.  (vgl. ebd.).

In Auseinandersetzung mit der erziehungswissenschaftlichen Tagebuchforschung zeigt die Arbeit, dass sich diese bisher stark auf die Kindheits- und Jugendforschung konzentrierte und das Potenzial einer Verknüpfung von erziehungswissenschaftlicher Tagebuch- und Exilforschung bisher nicht genutzt wurde. Die Bedeutung der erziehungswissenschaftlichen Erforschung schrifttragender Dokumente des Exils besteht darin, dass diese einen Einblick in die Vielfalt von Motiven, Bedeutungen und Funktionen des Tagebuchschreibens gibt. Darüber hinaus ermöglicht diese die Betrachtung von Jüd*innen als handelnde Subjekte und widersetzt sich dem Bild verfolgter Jüd*innen als passive Opfer und Objekte von Antisemitismus, Diskriminierung und Mord (vgl. Heim 2015, S. 82). In Bezug auf das Tagebuchschreiben im Exil verweist die Forschung auf die Ventilfunktion autobiographischen Schreibens. Jenes geht mit dem Versuch einher, die Gedanken zu ordnen, die psychischen Belastungen niederzuschreiben, das Geschehene zu dokumentieren und ggf. als Nachlass zu überliefern sowie einen inneren Dialog mit sich selbst, einem/einer realen und/oder imaginären Adressat*in zu führen (vgl. ebd).

Mit Blick auf die Auswertungsmethode der Artefaktanalyse, die auf Manfred Lueger sowie Ulrike Froschauer (2017) zurückgeht, verknüpft die Arbeit die Gattung des Tagebuchs mit dem Artefaktbegriff. Die Artefaktanalyse hebt das Tagebuch als Dokument einer sinnhaft geladenen Beziehung zwischen dem Buch als Objekt und Franziska als Akteurin hervor. Angesichts der Auswertungsergebnisse bot das Tagebuch für Franziska einen intimen, verschließbaren Ort um Gefühle von Trennung, Sehnsucht, Einsamkeit und Krankheit aufzuschreiben und zu verarbeiten.

Im Hinblick auf die Anfang 1960 von Strauss und Glaser geprägte Grounded Theory, die einen Erkenntnisgewinn textgebundener Aspekte wie etwa Motive, Zustand, Funktion, Bedeutung und Handhabung ermöglicht, konnte die Arbeit die zentralen inhaltlichen Aspekte des Geschriebenen von Franziska kategorisieren und auswerten. Zunächst nutzte Franziska das Buch als Poesiealbum, in dem sie und ausgewählte Freundinnen bekannte Gedichte von beispielsweise Goethe und Schiller niederschrieben. Die Umnutzung von Poesiealbum hin zum Tagebuch erfolgte mit der Flucht in das schottische Exil.

Mit Blick auf die Tagebuchforschung lässt sich hervorheben, dass Franziska aufgrund der erzwungenen Trennung ihres Mannes alleine ins Exil ging und keine eigens intendierte Fluchtbereitschaft zeigte. Dieses Ergebnis steht in Gegensatz zu dem der Frauenexil-forschung, dass Frauen eher zur Flucht bereit waren. Die Erkenntnis der Frauenexilforschung hinsichtlich der schnelleren Gewöhnung an das Exilland und der damit verbundenen Befähigung von Frauen, den finanziellen Lebensunterhalt der Familie zu sichern, steht ebenfalls im Gegensatz zu den Ergebnissen der Tagebuchforschung. Franziska floh – konträr zu vielen Exilantinnen – ohne Partner und war aus diesem Grund gezwungen den finanziellen Lebensunterhalt zu sichern. Identisch zu dem Ergebnis der Frauenexilforschung, dass Jüdinnen das Leben im Exil und die damit verbundenen Herausforderungen annahmen und als Fügung in das eigene Schicksal begriffen, steht das Ergebnis der Tagebuchanalyse. Franziska stellte ihr Leben im Exil unter den Willen Gottes und benannte ihren Lebensverlauf häufig als Schicksal, wobei sie dieses nur schwer annahm. Franziskas Leiden unter Doppel- und Mehrfachbelastung sowie der niemals endende Versuch der Bewältigung des Exillebens bestätigt das Ergebnis der Frauenexilforschung. Ihre Doppel- und Mehrfachbelastung war ähnlich zu den Ergebnissen der Frauenexilforschung von Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Alltagsbewältigung geprägt. Die Tagebuchanalyse zeigt jedoch auch, dass jene nicht die einzigen Aspekte der Belastung im Exilleben Franziskas waren. Vielmehr war sie von Einsamkeit, Sehnsucht, fehlendem Anschluss und seelischer sowie körperlicher Krankheit geprägt. An Stelle eines warm welcomes bekam Franziska im schottischen Exil eher Reserviertheit und Ablehnung zu spüren. Ihr Alltag im Exil war von den stetig wechselnden Posten und ihrer dort vorherrschenden Rolle als Dienstmädchen geprägt, wodurch psychische sowie körperliche Erschöpfung und Krankheit folgte. Die starke Sehnsucht nach ihrer in Deutschland zurückgebliebenen Familie, der Trennungsschmerz sowie die Einsamkeit, zogen einen kontinuierlich schlechter werdenden Gesundheitszustand von Franziska mit sich. Schließlich verstarb Franziska nach etwa vier Jahren Exilleben in Schottland im Alter von 38 Jahren. Weiterhin identisch zu den Erkenntnissen der Frauenexilforschung, steht die Tagebuchanalyse im Hinblick auf das autobiographische Schreiben als Möglichkeit psychische Belastungen niederzuschreiben und einen inneren Dialog mit sich selbst und/oder einem Adressaten zu führen. Franziska adressierte ihr Tagebuch an ihren deutschen Mann.