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Forschung Feature Forschungsbeiträge

Masterarbeit Anna Rose Samuel: Das Leben als Jüdin im schottischen Exil – Eine Tagebuchanalyse zur exemplarischen Alltagsdarstellung

Autorin: Anna Rose Samuel

„Das Exil, wie die Angst, »fressen Seele auf«,

es zehrt am innersten Ansatz der Seele, da, wo sie anfängt.

Es löscht alle Bilder, Stimmen, Gerüche und Geräusche aus,

es zwingt zur Selbstumstülpung.

Das Exil stülpt einen um, wie einen Sack.

Das Exil läßt einen nie los, es sitzt einem in der Brust.“

(Goldschmidt 2020, S. 9)

Der vorliegende Auszug aus dem Buch „Vom Nachexil“ von dem französisch-deutschen Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt stellt einen Versuch des 92-jährigen jüdischen Autors dar, das von ihm erlebte Exil und die Bedeutung dieser Erfahrung für sein Leben zu verstehen. Es zeugt vom Vergessen, von einer erlebten Heimatlosigkeit, von einem nie weichenden psychischen und körperlichen Leidensdruck, welches das von Jüd*innen erlebte Exil birgt. Die Sichtung jener Textstelle verweist auf das zentrale Forschungsthema der hier vorgestellten Masterarbeit.

In der Arbeit geht es um das Leben im Exil der Jüdin Franziska Thomas, die sich nach der von ihrem nicht-jüdischen Mann und dessen Eltern ausgehenden erzwungenen Trennung am 26.06.1939 an Bord der „Reiher“ befindet und mit etwa 34 Jahren ohne Partner und Familie vor den Maßnahmen der politikgewordenen antisemitischen Ideologie des NS-Regimes ins schottische Exil floh. Während ihrer Überfahrt begann Franziska Thomas mit einem Tagebuch. Das Tagebuch bildet die Grundlage einer qualitativen Tagebuchanalyse und ist Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit den Alltagserfahrungen einer Jüdin im schottischen Exil. Die Gruppe jüdischer Frauen, die aufgrund des Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen und in ein anderes Land emigriert ist, findet in der aktuellen Forschung verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit. Tiefer weist die Forschung eine Lücke im Rahmen der Frauenexilforschung verknüpft mit dem Exilland Schottland auf. Hieraus begründet sich das Thema der Forschungsarbeit beziehungsweise das Anliegen das Alltagsleben einer Jüdin im schottischen Exil im Hinblick auf diverse im Tagebuch enthaltenen Aspekte exemplarisch darzustellen.

Zunächst skizziert die Arbeit den historischen Überblick über die anti-jüdischen Maßnahmen. Die Einschränkungen, Entrechtungen und Gewalttaten erschwerten das deutsch-jüdische Leben, zerstörte Existenzen und erzwang diverse Fluchtstrategien.

Weiterhin verweist die Forschungsarbeit auf etwaige Forschungsergebnisse im Rahmen der Allgemeinen Exilforschung sowie der Frauenexilforschung (vgl. Gesellschaft für Exilforschung – AG Frauen im Exil). Mit Blick auf die Frauenexilforschung legt die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Frauen im Exil“ wichtige Veröffentlichungen vor. Sie behandeln Aspekte wie etwa Wohnsituation, Ernährung, Begegnungen und Bindungen sowie finanzielle Situation. Darüber hinaus beziehen sich die Ergebnisse der Frauenexilforschung auf die Bereiche Partnerschaft, Ehe und Trennung (vgl. Schmeichel-Falkenberg 2007, S. 17f.). Als zentrales Ergebnis der Frauenexilforschung gilt die höhere Bereitschaft der Frau, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen und ins Exil zu flüchten. Darüber hinaus zeigen Erkenntnisse, dass sich Frauen aufgrund ihrer höheren Flexibilität leichter in die fremde Umgebung eingewöhnten und in diesem Zuge häufiger dazu befähigt waren den finanziellen Lebensunterhalt der Familie zu sichern (vgl. ebd.). Weiterhin lebten sie aufgrund gleichzeitiger Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Bewältigung des Alltags in der Fremde, häufig unter Doppel- und Mehrfachbelastungen.  (vgl. ebd.).

In Auseinandersetzung mit der erziehungswissenschaftlichen Tagebuchforschung zeigt die Arbeit, dass sich diese bisher stark auf die Kindheits- und Jugendforschung konzentrierte und das Potenzial einer Verknüpfung von erziehungswissenschaftlicher Tagebuch- und Exilforschung bisher nicht genutzt wurde. Die Bedeutung der erziehungswissenschaftlichen Erforschung schrifttragender Dokumente des Exils besteht darin, dass diese einen Einblick in die Vielfalt von Motiven, Bedeutungen und Funktionen des Tagebuchschreibens gibt. Darüber hinaus ermöglicht diese die Betrachtung von Jüd*innen als handelnde Subjekte und widersetzt sich dem Bild verfolgter Jüd*innen als passive Opfer und Objekte von Antisemitismus, Diskriminierung und Mord (vgl. Heim 2015, S. 82). In Bezug auf das Tagebuchschreiben im Exil verweist die Forschung auf die Ventilfunktion autobiographischen Schreibens. Jenes geht mit dem Versuch einher, die Gedanken zu ordnen, die psychischen Belastungen niederzuschreiben, das Geschehene zu dokumentieren und ggf. als Nachlass zu überliefern sowie einen inneren Dialog mit sich selbst, einem/einer realen und/oder imaginären Adressat*in zu führen (vgl. ebd).

Mit Blick auf die Auswertungsmethode der Artefaktanalyse, die auf Manfred Lueger sowie Ulrike Froschauer (2017) zurückgeht, verknüpft die Arbeit die Gattung des Tagebuchs mit dem Artefaktbegriff. Die Artefaktanalyse hebt das Tagebuch als Dokument einer sinnhaft geladenen Beziehung zwischen dem Buch als Objekt und Franziska als Akteurin hervor. Angesichts der Auswertungsergebnisse bot das Tagebuch für Franziska einen intimen, verschließbaren Ort um Gefühle von Trennung, Sehnsucht, Einsamkeit und Krankheit aufzuschreiben und zu verarbeiten.

Im Hinblick auf die Anfang 1960 von Strauss und Glaser geprägte Grounded Theory, die einen Erkenntnisgewinn textgebundener Aspekte wie etwa Motive, Zustand, Funktion, Bedeutung und Handhabung ermöglicht, konnte die Arbeit die zentralen inhaltlichen Aspekte des Geschriebenen von Franziska kategorisieren und auswerten. Zunächst nutzte Franziska das Buch als Poesiealbum, in dem sie und ausgewählte Freundinnen bekannte Gedichte von beispielsweise Goethe und Schiller niederschrieben. Die Umnutzung von Poesiealbum hin zum Tagebuch erfolgte mit der Flucht in das schottische Exil.

Mit Blick auf die Tagebuchforschung lässt sich hervorheben, dass Franziska aufgrund der erzwungenen Trennung ihres Mannes alleine ins Exil ging und keine eigens intendierte Fluchtbereitschaft zeigte. Dieses Ergebnis steht in Gegensatz zu dem der Frauenexil-forschung, dass Frauen eher zur Flucht bereit waren. Die Erkenntnis der Frauenexilforschung hinsichtlich der schnelleren Gewöhnung an das Exilland und der damit verbundenen Befähigung von Frauen, den finanziellen Lebensunterhalt der Familie zu sichern, steht ebenfalls im Gegensatz zu den Ergebnissen der Tagebuchforschung. Franziska floh – konträr zu vielen Exilantinnen – ohne Partner und war aus diesem Grund gezwungen den finanziellen Lebensunterhalt zu sichern. Identisch zu dem Ergebnis der Frauenexilforschung, dass Jüdinnen das Leben im Exil und die damit verbundenen Herausforderungen annahmen und als Fügung in das eigene Schicksal begriffen, steht das Ergebnis der Tagebuchanalyse. Franziska stellte ihr Leben im Exil unter den Willen Gottes und benannte ihren Lebensverlauf häufig als Schicksal, wobei sie dieses nur schwer annahm. Franziskas Leiden unter Doppel- und Mehrfachbelastung sowie der niemals endende Versuch der Bewältigung des Exillebens bestätigt das Ergebnis der Frauenexilforschung. Ihre Doppel- und Mehrfachbelastung war ähnlich zu den Ergebnissen der Frauenexilforschung von Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Alltagsbewältigung geprägt. Die Tagebuchanalyse zeigt jedoch auch, dass jene nicht die einzigen Aspekte der Belastung im Exilleben Franziskas waren. Vielmehr war sie von Einsamkeit, Sehnsucht, fehlendem Anschluss und seelischer sowie körperlicher Krankheit geprägt. An Stelle eines warm welcomes bekam Franziska im schottischen Exil eher Reserviertheit und Ablehnung zu spüren. Ihr Alltag im Exil war von den stetig wechselnden Posten und ihrer dort vorherrschenden Rolle als Dienstmädchen geprägt, wodurch psychische sowie körperliche Erschöpfung und Krankheit folgte. Die starke Sehnsucht nach ihrer in Deutschland zurückgebliebenen Familie, der Trennungsschmerz sowie die Einsamkeit, zogen einen kontinuierlich schlechter werdenden Gesundheitszustand von Franziska mit sich. Schließlich verstarb Franziska nach etwa vier Jahren Exilleben in Schottland im Alter von 38 Jahren. Weiterhin identisch zu den Erkenntnissen der Frauenexilforschung, steht die Tagebuchanalyse im Hinblick auf das autobiographische Schreiben als Möglichkeit psychische Belastungen niederzuschreiben und einen inneren Dialog mit sich selbst und/oder einem Adressaten zu führen. Franziska adressierte ihr Tagebuch an ihren deutschen Mann.

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Aktuelles Forschung Feature Seminarbeiträge

Seminarbericht: Methoden kultureller Bildung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive

Ursprünglich im Sommersemester 2020 als Exkursion geplant, konnte die erste Zusammenarbeit mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie vorgesehen stattfinden, weshalb die Veranstaltung von Tatjana Freytag und Aljoscha Napp vom 29.-31.01.2021 digital durchgeführt wurde. Ein Ziel des Seminares war es, erziehungswissenschaftliche Fragen zu entwickeln, um diese an verschiedene Künstler_innen aus dem Projekt Silence is no longer here because of us zu richten. Bei dem Projekt steht die Gestaltung und die aktive Teilhabe an neuen Formaten zur kulturellen Bildung innerhalb erinnerungskultureller Praxen im Vordergrund, welche sich aufgrund des zunehmenden zeitlichen Abstand zu den NS-Verbrechen und dem damit einhergehendem gesellschaftlichen Wandel mit neuen Herausforderungen konfrontiert sehen. Im Sinne einer kritischen Erinnerungskultur wurde das bildungskulturelle Konzepte des Projektes vor dem Hintergrund aktueller Spannungsfelder auf Ambivalenzen und mögliche Problemlagen analysiert. Hierbei war insbesondere der Vortrag von Moshe Zuckermann hilfreich, dessen Zusage aufgrund seiner immensen Expertise einen besonderen Gewinn für das Seminar darstellte. Zuckermann leistete nicht nur einen Überblick des gesellschaftspolitischen Diskurses nach Auschwitz, sondern stellte dialektisch die wesentlichen Spannungsfelder heraus, mit denen sich Erinnerungskulturen konfrontiert sehen. Zuckermann folgend ist bei der Analyse von kulturellen Methoden innerhalb gedenkstättenpädagogischer Praxis die Reflexion darüber zentral, an wen sich die Konzepte richten, aus welcher Position diese formuliert sind und welche Ziele damit verfolgt werden. Des Weiteren betonte Zuckermann, dass es wichtig sei zu beobachten, in welches Verhältnis das Universale zum Partikularem innerhalb von Bildungskonzepten gesetzt wird, um zu verstehen, mit welchen Intentionen der abstrakte Charakter der Shoah vermittelt wird. Ausgehend von diesen Impulsen formulierten die Studierenden mit Hilfe der Seminarlektüre eigene Fragestellungen, die sich generell an kulturelle Bildungsangebote oder konkret an Silence is no longer here because of us richteten. Ein wesentlicher Bestandteil war hier die Auseinandersetzung mit Beiträgen von Beteiligten des Projekts, wie beispielsweise Matthias Heyl, dem Leiter der pädagogischen Dienste der Gedenkstätte Ravensbrück, oder Dan Wolf, dessen künstlerische Agenda die Grundlage für die kultureller Vermittlungsarbeit innerhalb des Projekts lieferte.

Ausgestattet mit dieser reflexiven Perspektive begann der zweite Tag des Blockseminars, welcher mit einer digitalen Führung über das ehemalige Lagergelände startete. Anschließend nahmen die Studierenden selbst die Teilnehmendenrolle innerhalb eines künstlerischen Workshops von Silence is no longer here because of us ein, von denen sie aus drei verschiedenen Angeboten wählen konnten: Ein Rapworkshop mit der Musikerin Lena Stöhrfaktor, ein Soundworkshop mit dem Soundkünstler Christian W. Find und ein Poertyslamworkshop mit der Künstlerin Aicha Ben Mansour. Aus letzterem entstand auch das folgende Gedicht, welches eine Studierende des Seminars verfasste:



Im Anschluss an die Workshopphase stellten die einzelnen Gruppen ihre Arbeitsprozesse und Ergebnisse dem gesamten Plenum vor, was den Abschluss des zweiten Seminartages markierte und auch in den Reflexionen der Studierenden festgehalten wurde, von denen hier einige Beispiele vorgestellt werden.

In der letzten Seminarsitzung bestand die Herausforderung darin, die beiden vorherigen Teile miteinander zu verbinden und die vorab gesammelten, theoretischen Erkenntnisse auf die Erfahrungen aus der praktischen Worshopphase anzuwenden. Hierbei setzten sich die Studierenden vor allem mit der Rolle von Emotionen sowie Identitätsbezügen innerhalb der Workshops auseinander und gingen der Frage nach, welche Bedeutung die spezifische Geschichte des Ortes für die kulturellen Angebote innerhalb des Projektes einnimmt. Darüber hinaus wurde vor dem Hintergrund einer möglichen „Auratisierung“ (Heyl) und damit verbundener Authentizität über Chancen und Grenzen von digitalen Formaten für Gedenkstättenpädagogik diskutiert. Grundsätzlich positionierten sich die Teilnehmenden des Seminars ambivalent und differenziert gegenüber dem Projekt Silence is no longer here because of us. Einerseits wurde der partizipative Charakter der Workshops hervorgehoben, welcher die Studierenden insbesondere dazu anregte, sich mit den eigenen Bezügen zur NS-Geschichte zu befassen und sich selbst zu reflektieren. Andererseits wurde der Wunsch geäußert, dass die Verbindung zwischen Selbstreflexion und der kritischen Auseinandersetzung mit der Komplexität der lokalen Geschichte noch stärker in den Vordergrund des Projektes gerückt werden sollte. Dies könnte in zukünftigen Formaten von Sound in the Silence, die wie ursprünglich geplant länger und in Präsenz stattfinden, an dem alle Beteiligten unseres Seminars auch in Zukunft großes Interesse formulierten.

Insgesamt wurde durch das durchweg positive Feedback seitens der Studierenden deutlich, wie vielversprechend und impulsgebend Kooperationen mit externen Akteur_innen für das Studium an der Universität Hildesheim sein können. Wir hoffen auch in Zukunft im Rahmen unserer Schwerpunktarbeit mit unseren Partner_innen im Bereich der Gedenkstättenarbeit zusammenzuarbeiten und so den Austausch zwischen universitäre Lehre und pädagogischer Praxis lebendig zu gestalten.

Autor: Aljoscha Napp

Abbildung: Sound in the Silence 2019 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Zur Verfügung gestellt von: Dr. Hildegard Hansche-Stiftung, Fotograf: Carsten Büttner

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Aktuelles

Neue Website Online

Wir freuen uns Sie auf unser neuen Homepage des Schwerpunktes Erinnerungskulturen und Bildung der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim begrüßen zu dürfen und laden Sie ein, diese zu entdecken. Bei Rückfragen stehen wir Ihnen unter ekub@uni-hildesheim.de zur Verfügung.

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Forschung Feature Forschungsbeiträge

DFG Projekt: Paradoxe Bildung – Widerstand – Überleben

Geheimer Unterricht und Kinderzeichnungen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Projektlaufzeit: 2020-2023

Projektleitung und -durchführung: Prof. Dr. Meike Sophia Baader, Dr. Wiebke Hiemesch

Projektmitarbeiter*innen: Gesa Bochen, Grażyna Kamień-Söffker (Bearbeitung polnischsprachiger Texte)

Außeruniversitäre und internationale Kooperationen: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück; Universitätsbibliothek Lund/Schweden

Projektskizze: 

Im Zentrum des beantragten Projektes stehen zwei unerschlossene Quellenbestände aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Der erste umfasst 50 Blätter mit Zeichnungen eines polnischen vierzehnjährigen Mädchens, die – zumindest teilweise – in einer Kindergruppe entstanden. Der zweite Quellenbestand beinhaltet zwölf Unterrichtshefte, die von polnischen Frauen und Kindern im Lager hergestellt wurden und offenbar Material für eine versteckt organisierte Unterrichtsform bereitstellten. Vermutlich stehen die Zeichnungen in einem Zusammenhang mit dem Unterricht und beide Quellenbestände verweisen damit auf kulturelle Praktiken, die gegen die offizielle Lagerordnung verstießen. Diese sollen im Rahmen des Projektes analysiert werden. Damit zielt das Projekt darauf, das Wissen über Unterricht in Zwangslagern, das sich bislang vor allem auf das Lager Theresienstadt bezog, um die Erforschung von Unterrichtsformen in Ravensbrück zu erweitern und mit kinderkulturellen Praktiken, wie dem Anfertigen von Zeichnungen, in Verbindung zu bringen.

Diese Aspekte des (Über-)Lebens von Kindern unter der Gewaltherrschaft des Lagers differenzierter zu beschreiben, ist Ziel des Projektes. Dazu werden die Quellen erstens systematisch erschlossen, zweitens in ihren historischen Kontexten analysiert, drittens an kindheits- und bildungshistorische Diskurse rückgebunden und viertens öffentlich zugänglich gemacht. Leitend ist dabei der Begriff der ‚paradoxen Bildung’, der an Fragen zu „paradoxen Erziehungsverhältnissen“ im Lager anknüpft (Brumlik 2014). Welche Spannungsverhältnisse damit verbunden waren, soll durch das Projekt genauer geklärt werden.

Methodisch wird mit praxistheoretischen Zugängen der historischen Kultur- und Sozialwissenschaften gearbeitet. Diese ermöglichen es sowohl die textliche und bildliche Ebene zu erfassen, als auch die spezifischen Entstehungsbedingungen und Rezeptionsweisen der Kinder und Frauen unter den Extrembedingungen weitestgehend zu rekonstruieren. Die Zeichnungen werden multiperspektivisch unter der Beteiligung verschiedener Disziplinen interpretiert werden. Damit trägt das Projekt dazu beitragen, die bisher wenig ausgearbeiteten Methoden zur Auswertung von Zeichnungen und hergestellten Objekten in der historischen Kindheits- und Bildungsforschung weiterzuentwickeln. Darüber hinaus beinhaltet das Projekt eine erinnerungskulturelle Dimension, da es die Praktiken der verfolgten Kinder und Erwachsenen sichtbar macht und paradoxe Bildungsprozesse als Widerstandsformen analysiert. Zudem stellt es Material bereit, das somit für weitere wissenschaftliche, erinnerungskulturelle und pädagogische Arbeit zugänglich sein wird. Erwartbar sind Ergebnisse für die Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus sowie für die historische Bildungs- und Kindheitsforschung, die das Wissen über Unterrichtsformen als widerständige Praktiken im Lager erweitern und damit verbundene paradoxe Bildungsprozesse genauer beschreibbar machen. Weitere Infos:

https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-erziehungswissenschaft/allgemeine-erziehungswiss/forschung/forschungsprojekte/laufende-projekte/paradoxe-bildung-widerstand-ueberleben/

Abbildung: German/Polish vocabulary book made in a Nazi concentration camp (Folio 3r), The Polish Research Institute in Lund (PIZ), vol. 29:1

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Forschung Feature Forschungsbeiträge

Forschungsprojekt: Verfolgung weiblicher Delinquenz im KZ Moringen

Ansprechpersonen: Aljoscha Napp, Meike Baader

Kooperationspartner*innen: KZ-Gedenkstätte Moringen

Arbeitstitel: Verfolgung weiblicher Delinquenz im KZ Moringen

In der Bundesdrucksache 19/11092 wurde deutlich, dass Projekte gefördert werden sollen, die sich mit der Verfolgung von Frauen auseinandersetzen, welche, aufgrund ihres Widerstands gegen das NS-Regimes, in Konzentrationslagern inhaftiert wurden. Die Auseinandersetzung mit der Differenzkategorie Geschlecht und die damit zusammenhängende, fehlende Würdigung von explizit weiblichen Formen des Widerstands, ist demnach in aktuellen erinnerungskulturellen Diskursen unterrepräsentiert und erzeugt insbesondere Forschungsdesiderate an den Orten ehemaliger Frauenkonzentrationslager, wie beispielsweise Moringen.

Hier war von 1933 bis 1938 das erste Frauenkonzentrationslager des NS-Staates eingerichtet, in dem, neben anderen diversen Häftlingsgruppen, auch Frauen aus dem politischen Widerstand inhaftiert wurden. Eine der ersten Insassinnen war Hannah Vogt, die sich schon früh politisch in der KPD gegen das NS-Regime einsetzte. Wegen eines sogenannten „Verdachts des Hochverrates“ wurde Vogt verhaftet und von Juni bis Dezember 1933 im Frauenkonzentrationslager interniert. Aus dieser Haftzeit ist ein Briefwechsel erhalten, der die Kommunikation zwischen Vogt und ihren Eltern aus und in das Frauenkonzentrationslager dokumentiert.

Vogt überlebte die Zeit im Konzentrationslager Moringen und begann 1937 eine Ausbildung zur Schwesternhelferin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Ihr Einsatz beim DRK brachte Vogt in die Nähe der SS, da sie in der sogenannten „Einwandererzentralstelle“ arbeitete, welche zunächst in Posen stationiert war. Diese hatte innerhalb des NS-Staates die Funktion, mit Hilfe von pseudowissenschaftlichen und rassenbiologischen Kriterien, Menschen, wie den sogenannten „Deutschbalten“, aus den vom deutschen Reich besetzten Gebieten Osteuropas umzusiedeln. Nachdem der Einsatz in Posen beendet war, wurden sogenannte „fliegende Kommandos“ gebildet, die in Polen die verschiedenen Ghettos besichtigten und auch an diesen Orten Menschen für mögliche Umsiedlungen kategorisierten. Hierbei kam Vogt in Kontakt mit dem SS-Arzt Gerhard Schiedlausky, der später für seine rassehygienischen und pseudomedizinischen Versuche im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück durch die Alliierten zum Tode verurteilt wurde.

Auf diesen beide Schwerpunkte, also der Haftzeit Vogts im Frauenkonzentrationslager Moringen und ihrer Zeit beim DRK, beziehungsweise bei der „Einwandererzentralstelle“, liegt als erstes der Fokus des Forschungsvorhabens. Zunächst soll mit Hilfe eines Methodenmix aus qualitativen Forschungsmethoden, wie der Grounded Theory, der Briefwechsel zwischen Vogt und ihren Eltern analysiert werden. Die leitende Forschungsfrage ist hierbei, wie die Haftzeit von weiblichen Häftlingen im Frauenkonzentrationslager Moringen wahrgenommen und in diesem konkreten Fall von Hannah Vogt beschrieben wird. Ferner soll der Briefwechsel dahingehend untersucht werden, ob, und wenn ja welche, individuellen Handlungsmöglichkeiten trotz des Zwangskontextes eines NS-Konzentrationslagers für weibliche Häftlinge bestanden bzw. welche Räume sich durch das Handeln von Einzelnen möglicherweise eröffneten. Konkret soll nach Formen jeglicher Subjektivität an einem Ort der systematischen und gewaltförmigen Entsubjektivierung geforscht werden, welche sich beispielsweise in dem Erleben des Lageralltags sowie in den Beziehungen zu anderen Mithäftlingen oder den Eltern wiederfinden lassen könnten. Da hierbei nach sozialen Praxen gesucht wird, bietet sich die Artefaktanalyse als zweite Forschungsmethode an. Markus Hilgert folgend erweist sich die Artefaktanalyse als interdisziplinäre Forschungsmethode, die nicht-textliche Merkmale von Artefakten in den Blick nimmt und Objekte als Artefakte versteht, denen von handelnden Subjekten Bedeutung zugeschrieben wird. Demzufolge hebt die Methode der Artefaktanalyse die Bedeutung nicht-textlicher Eigenschaften von Objekten hervor, bei der die Spuren von sozialen Praktiken aufgedeckt werden. Da diese auch zentral für die Erforschung des zweiten Zeitabschnitts innerhalb Vogts Biographie sind, werden die vorgestellten Methoden auch hieraufhin angewendet, obgleich der Forschungsschwerpunkt erweitert wird. Neben der Erforschung der subjektiven Wahrnehmung Vogts während der Zeit bei der „Einwanderzentralstelle“ soll vor allem die ambivalente Konstellation untersucht werden, in der sich Vogt als ehemalige KZ-Inhaftierte und DRK-Angestellte im NS-Verwaltungsapparat mit Nähe zu SS-Personal wie Schiedlausky befand.

Ziel ist es, mit Hilfe des Nachlasses von Hanna Vogt weibliche Formen des Widerstands gegen das NS-Regime sichtbar werden zu lassen und auf Grundlage qualitativer Forschungsmethoden fundierte Aussagen über das Erleben des Lageralltags zu erhalten. Darüber hinaus wird nach potentiellen Formen von Subjektivität und nach sozialen Praxen innerhalb des Frauenkonzentrationslagers Moringen gefragt. Außerdem liegt der Fokus auf möglichen ambivalenten Konstellationen, die in der Zeit von 1937-1941 in der Zeit Vogts beim DRK liegen könnten. Deren Erforschung trägt dazu bei, Biographien von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht nur auf ihren anonymisierten Opferstatus zu reduzieren, sondern sie als handelnde Subjekte mit komplexen Lebensläufen innerhalb erinnerungskultureller Diskurse in Erscheinung treten zu lassen.

Durch Kooperationen und engen Austausch mit dem Forschungsprojekt Paradoxe Bildung von Polinnen im Konzentrationslager Ravensbrück kann so ein Beitrag zur Geschichte weiblichen Widerstandes geleistet werden.

Abbildung: Aljoscha Napp im Archiv der KZ-Gedenkstätte Moringen. Zur Verfügung gestellt von: KZ-Gedenkstätte Moringen.

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