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Zweiter projektspezifischer DFG-Workshop „Paradoxe Bildung – Widerstand – Überleben“ zu Kinderzeichnungen aus Lagern in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Wie können Kinderzeichnungen aus den nationalsozialistischen Zwangslagern für kindheits- und bildungshistorische Fragen ausgewertet werden? Was lässt sich über das Erleben von Kindern sowie die Möglichkeiten und die Bedeutung zeichnerischen Schaffens im Lager sagen? Welche Potenziale und Grenzen sind mit dieser Quellengattung verbunden? Welche Relevanz hat die Unterscheidung zwischen Kinderzeichnungen und Zeichnungen von Erwachsenen?

Diesen Fragen widmen sich drei projektspezifische Workshops in dem von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderten Projekt „Paradoxe Bildung – Widerstand – Überleben“. Die Workshops finden in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück statt. Nach dem digitalen Auftakt im März trafen sich am 15. und 16. Juli etwa 20 Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Großbritannien und Polen in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Die Expert*innen verschiedener Disziplinen – Erziehungswissenschaft, Kunstgeschichte, Kunstpädagogik, Literaturwissenschaft, Politologie, Psychologie/Psychotherapie, Restaurierung und Soziologie – sichteten über 50 Zeichnungen im Original, die ein vierzehnjähriges polnisches Mädchen im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück angefertigte. Diese Zeichnungen stehen im Zentrum der drei Workshops.

Eröffnet wurde der Workshop durch Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (MGR), sowie Meike Sophia Baader und Wiebke Hiemesch (Hildesheim) vom Projekt „Paradoxe Bildung“. In einem Rundgang über das ehemalige Lagergelände des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück sensibilisierte Matthias Heyl, Leiter der pädagogischen Dienste der MGR, für die Geschichte des Ortes. Diskutiert wurden zudem ein sich wandelndes Gedenken und umkämpfte Erinnerungskulturen und Gedächtnispolitiken in Ravensbrück. Geleitet durch Sabine Arendt, Leiterin der Museologischen Dienste der MGR, sichteten die Wissenschaftler*innen die Zeichnungen des Mädchens im Original. Ruth Keller (Berlin) schärfte den Blick für die Erforschung und Erhaltung des Papiers als organisches Material und seine Bedeutung als selbstreflexiven Raum. Ein Abendvortrag von Bożena Chołuj (Frankfurt/Warschau) beleuchtete die Geschichte der Frauenbildung in Polen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. Besonders ging sie auf die „Fliegenden Universitäten“ als tradierte Form emanzipatorischer Bildung für Mädchen und Frauen ein, an die in unterschiedlichen Zeiten der Besatzung und Unterdrückung in Polen sowohl für männliche wie weibliche Lernende angeschlossen wurde.

Der folgende Tag eröffnete mit einem Vortrag von Micha Brumlik (Frankfurt/Berlin) zu Transnationalen Erinnerungskulturen und aktuellen Deutungskämpfen. Unter der Frage „Historikerstreit 2.0?“ skizzierte er die Kontroversen um postkoloniale Kritik im deutschsprachigen Erinnerungsdiskurs. Am Beispiel der 1920 in Lwowie geborenen Elżbieta Nadel sprach Astrid Schmetterling (London) über Kunst, Trauma und Zeugenschaft. Elżbieta Nadel zeichnete 1942 im Lemberger Ghetto eine Serie von 18 Zeichnungen unter dem Titel Obrazki domowe“ [Images from Home], bei der sie auch Ironie und Humor nutzte.Christiane Heß (MGR) gab anschließend einen Einblick in ihre Forschungen zu Lager-Zeichnungen aus Neuengamme und Ravensbrück und öffnete den Blick auf die Vielfalt visueller Materialien. Im Mittelpunkt standen Zeichnungen von Erwachsenen, deren Motive und Techniken als Referenz für die Betrachtung der Kinderzeichnungen aus Ravensbrück dienen könnten. Als eine ebenso wertvolle Vergleichsfolie können die Kinder-Zeichnungen aus der Kunstsammlung der Gedenkstätte Buchenwald dienen. Eva Falldorf und Mackenzie Lake (Jena) gaben Einblicke in die Bestände aus kunstgeschichtlicher wie bildungspraktischer Perspektive im Kontext von Holocaust Education. Sie nahmen dabei vor allem Bezug auf Maria Brzęcka Kosk, die ebenfalls als junges Mädchen aus Polen verschleppt wurde und im Lager zeichnete, sowie auf Thomas Geve, der kurz nach der Befreiung von Buchenwald die Verbrechen zeichnerisch dokumentierte.

Diskutantinnen des Workshops in Ravensbrück waren über die genannten Beteiligten hinaus Ulrike Mietzner, Ulrike Pilarczyk, Bettina Uhlig, Sybille Rothkegel und Barbara Wittmann.

Im September wird die Workshop-Reihe digital fortgeführt. Im Mittelpunkt steht dann die Frage, inwiefern sich unterschiedliche Auswertungsmethoden für visuelles Material im Allgemeinen und (Kinder-)Zeichnungen im Besonderen für die Analyse der Extrembedingung Lager eignen. Wo ergänzen sich bestehende Zugänge aus unterschiedlichen Disziplinen und wo besteht Entwicklungspotenzial zur Auswertung von Kinderzeichnung? Welche Fragen werfen die Zeichnungen auf und was fällt an Ihnen auf?